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Kompetenz einen Rahmen geben

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Kompetenz einen Rahmen geben

Medienkompetenz, Informationskompetenz, Internetnutzungskompetenz. In DigiD bündeln wir verschiedenen Kompetenzmodelle und kompetenztheoretische Überlegungen in einem Rahmenkonzept. In jeder Magazinausgabe stellen wir einzelne Aspekte daraus vor – wir starten mit „Kompetenzanforderungen“.

Welche Kompetenzen brauchen Menschen im digitalen Wandel?

Der digitale Wandel ist im Alltag angekommen: Während der Pandemie war es selbst für Grundschüler*innen nur möglich, am Unterricht teilzunehmen, wenn sie Videokonferenzen „konnten“; für ein flexibles Schichtplanmanagement ist Voraussetzung, mobil-digital erreichbar zu sein; wer pflegebedürftige Partner*innen versorgt, braucht zunehmend digitale Unterstützungssysteme, die nur hilfreich sind, wenn man sie bedienen kann. Nur ausschnittsweise zeigen diese Beispiele, wie digitale Technologien neue Potenziale eröffnen und gleichzeitig spezifische Anforderungen an die Menschen stellen, damit sie diese Potenziale ausschöpfen können.

Orientierung im Babel der Kompetenzmodelle

Medienkompetenz, Informationskompetenz, Internetnutzungskompetenz, algorithmische Kompetenz, medienkulturelle Kompetenz – die Vielzahl an unterschiedlichen Modellen, die Kompetenzen darzustellen versuchen, ist kaum zu überschauen. In der Monitoring-Datenbank von Digitales Deutschland sind 137 einschlägige Modelle und Studien erfasst, in denen insgesamt 58 unterschiedliche Kompetenzbegriffe verwendet werden. Alle erheben den Anspruch, „digitale Kompetenzen“ zu beschreiben. Gemeint sind damit diejenigen Bündel an Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die Menschen verfügen müssen, um angesichts des digitalen Wandels selbstbestimmt und sozialverantwortlich ihr Leben zu gestalten. Die Vielzahl an Modellen und Konzepten verdeutlicht, dass jedes Modell dabei etwas anderes meint oder ins Zentrum rückt. Teils fokussieren sie Spezialbereiche (wie beispielsweise die Nachrichtenkompetenz), teils umfassen sie mehrere Anwendungsbereiche. Für die Forschung wie auch für die Bildungsplanung erwächst daraus die Herausforderung zu klären, wer über was spricht. Das Monitoring im Projekt „Digitales Deutschland“ ist ein erster Schritt, um diese unterschiedlichen Begriffe sichtbar zu machen.

Rahmenkonzept ermöglicht Überblick

Hier setzt das Rahmenkonzept an: Im Austausch mit Kolleg*innen aus unterschiedlichen Disziplinen entwickelt, basiert es auf den erfassten Kompetenzmodellen sowie auf verschiedenen kompetenztheoretischen Überlegungen, die es ermöglichen, die verschiedenen Modelle aufeinander zu beziehen. So können unterschiedliche Modelle und Studien im Rahmenkonzept verortet werden. Gleichzeitig ist ein Überblick möglich, welche Kompetenzen für welche Personengruppe beschrieben und untersucht werden (siehe Datenbank). In einer Serie von Beiträgen stellen wir im Magazin jeweils Aspekte des Rahmenkonzepts vor.

In der ersten Ausgabe geht es um Kompetenzanforderungen.

Wann handelt ein Mensch kompetent?

Kompetent sein – das ist nur möglich in Dingen, die ein Mensch nicht von sich aus kann, sondern erlernt hat. Damit ist das, worin Menschen kompetent sein sollen, auch immer an die jeweils aktuellen gesellschaftlichen Lebensbedingungen geknüpft. Das gilt für das Erlernen von Kompetenzen ebenso wie für die Realisierung kompetenten Handelns. Wer angesichts von (selbst) gestellten Anforderungen selbstbestimmt und verantwortungsvoll handeln kann und dafür auf die erforderlichen gesellschaftlichen Ressourcen zuzugreifen vermag, gilt als kompetent. Zur Beschreibung dieser Qualität menschlichen Handelns werden für unterschiedliche Anforderungssituationen konkrete Fähigkeiten und Fertigkeiten beschrieben. Zum kompetenten Handeln gehört dabei einerseits die Verfügbarkeit von Handlungsalternativen und andererseits die Fähigkeit, Handlungsoptionen auszuwählen, zu bewerten und sich damit zu orientieren. Als wichtig gelten hierfür Wissensbestände und Erfahrungen sowie deren Reflexion. Diese allgemeine Beschreibung von Kompetenzen muss angesichts der Dynamik des digitalen Wandels immer wieder konkretisiert werden. Um zu wissen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten genau Menschen brauchen, um selbstbestimmt zu handeln, müssen die Kompetenzanforderungen in der vom digitalen Wandel geprägten Lebenswelt in den Blick genommen werden.

Welche Anforderungen an kompetentes Handeln entstehen im Zuge des digitalen Wandels?

Kompetenzanforderungen zeigen sich im Alltag, wenn konkrete Probleme gelöst werden sollen, die sich dem Subjekt in unterschiedlichen Lebensbereichen (beispielsweise in der Schule, Arbeit oder Freizeit) stellen. Es handelt sich damit um konkrete, situations- und gegenwartsbezogene Anforderungen an das kompetente Handeln. In jedem Kompetenzmodell sind zumindest implizit Vorstellungen über solche Kompetenzanforderungen enthalten. Diese können unterschiedlich gefasst sein. In den vorliegenden Kompetenzmodellen finden sich Kompetenzanforderungen, die…

…sich aus der Bedienung digitaler Medien für bestimmte Zwecke mit lebensweltlicher Bedeutung ableiten (z. B. Bilder mit entsprechenden Programmen bearbeiten können),

…die Reflexion der Bedeutung digitaler Medien für die zwischenmenschliche Individualkommunikation oder auch für die gesamtgesellschaftliche Kommunikation und entsprechendes soziales und/oder politisches Handeln fokussieren (z. B. wie mit Hate Speech oder Beleidigungen auf sozialen Medien umgegangen werden sollte) oder auch

…darauf abzielen, gerade solche Fähigkeiten weiterzuentwickeln, in denen Menschen weiterhin „besser“ sind als digitale Systeme wie Künstliche Intelligenz (zu denken ist an Empathie oder ein kritisches Urteilsvermögen).

Zum Verhältnis von Kompetenzanforderungen und Kompetenzmodellen

Kompetenzanforderungen entstehen in Situationen, in denen Menschen kompetent handeln können sollen. Kompetenzen sollten aber situationsübergreifend selbstbestimmtes Handeln erlauben und mit Blick auf das sich stets (weiter-)entwickelnde digitale Mediensystem auch von einem Kontext auf einen anderen übertragbar sein. Daraus erwächst für die konzeptionelle Beschreibung, aber vor allem auch für die empirische Untersuchung ein Spannungsfeld zwischen den konkreten Kompetenzanforderungen und den Kompetenzmodellierungen.

Stellen Sie sich hierzu die folgende Kompetenzanforderung vor: Drei Menschen haben jeweils in einer E-Mail eine Bilddatei erhalten, die sie abspeichern wollen. Damit korrespondierende Formulierungen für Kompetenzen finden sich in verschiedenen Kompetenzmodellen. Herausgegriffen sei exemplarisch das DigComp-Modell der EU mit der Formulierung „Organisieren und Verwalten von Daten, Informationen und digitalen Inhalten“.

Wenn Sie sich nun aber vor Augen führen, dass die drei Personen mit drei unterschiedlichen Endgeräten, wie einem Laptop, einem Smartphone und einem Sprachassistenten, arbeiten, wird deutlich, dass sich die situative Handlungsanforderung zwischen den dreien deutlich unterscheidet. Die große Varianz an Medien, aus denen sich jeweils individuelle Repertoires herausbilden (vgl. Hasebrink 2014), verdeutlichen eine zentrale Herausforderung angesichts des digitalen Wandels: Die Kompetenzanforderungen vervielfältigen sich und sind ohne Einblicke in die Lebenswelt kaum darzustellen – selbst wenn die als notwendig beschriebenen Kompetenzen gar nicht ausdifferenziert werden müssten. Die für die kontinuierliche Weiterentwicklung angemessener Forschung und Bildungsangebote notwendige Grundlage soll mit dem Rahmenkonzept gelegt werden.

Zitation

Brüggen, N.; Pfaff-Rüdiger, S. 2021: Kompetenz einen Rahmen geben. Im Rahmen des Projektes Digitales Deutschland. Online verfügbar: https://digid.jff.de/magazin/kuenstliche-intelligenz/kompetenz-rahmen/

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