Medienkompetenz aus bildungswissenschaftlicher, bildungspolitischer und schulpraktischer Perspektive

Kurzbeschreibung

Im Diskurs um Medienkompetenz wird häufig vernachlässigt, was der Begriff konkret in der schulischen Praxis bedeutet. Aus diesem Grund wird im vorliegenden Beitrag zunächst folgende Frage beleuchtet: Was verstehen Lehrkräfte und Schüler*innen unter "Medienkompetenz"? Hierzu wurden Lehrkräfte und Schüler*innen im Rahmen von Leitfadeninterviews befragt. Schüler*innen nahmen des Weiteren an einer quantitativen Befragung teil. Daraus ergeben sich zehn Dimensionen von Medienkompetenz, welche sich zum Teil gegenseitig bedingen: Umgang, Schutz, Reflexion, Information, Gestaltung/Produktion, Präsentieren, informatische Kenntnisse, Kommunikation, Teamwork und Kreativität. Das Verständnis der Lehrkräfte und Schüler*innen wird anschließend mit dem der Bildungswissenschaft und -politik verglichen. Als Beispiel für eine bildungswissenschaftliche Perspektive wird dabei auf den Medienkompetenzbegriff von Dieter Baacke verwiesen. Stellvertretend für die bildungspolitische Perspektive wird die KMK-Strategie zur Bildung in der digitalen Welt herangezogen. Es zeigt sich zwischen den drei Perspektiven ein unterschiedliches Verständnis von Medienkompetenz. Ausgehend von den Studienergebnissen plädieren die Autor*innen u.a. dafür, Medienkompetenzmodelle um die Perspektive von Lehrpersonen und Schüler*innen zu erweitern.

Annahmen über die Folgen der Digitalisierung

Durch den technologischen Wandel verändert sich auch die Wissensaneignung. Zugleich erfährt durch den technologischen Wandel Medienkompetenz gerade im Bildungskontext eine große Bedeutung.

Kompetenzanforderungen

keine Angabe

Kompetenzdimensionen

Instrumentell-qualifikatorische Dimension: Hardware handhaben; technisches Verständnis von Software; Datenschutz.

Kognitive Dimension: Informationen suchen; sich informieren können; Informationen auswählen und auswerten; Quellensensibilität; Wissen über den Einfluss digitaler Medien; Verständnis, das über die reine Handhabung hinausgeht; Verständnis von dahinterliegenden Prozessen.

Affektive Dimension: Schutz vor Cybermobbing; Schutz vor Suchtpotenzial.

Kreative Dimension: Digitale Produkte (z.B. Powerpointpräsentationen) erstellen; digitale Medien gestalten; Kreativität.

Soziale Dimension: Digitale Medien als Werkzeuge zur Kommunikation einsetzen, kollaborativ zusammenarbeiten; in und mithilfe digitaler Medien gemeinsam arbeiten und lernen; Schutz vor Gefahren beim Austausch mit Fremden; Schutz vor Cybermobbing.

Kritisch-reflexive Dimension: Datenschutz; Nutzungsbedeutung; kritisches Denken; Schutz vor Gefahren beim Austausch mit Fremden.

Zentrale theoretische Annahmen über Kompetenz

Medienkompetenz bildet heute einen "Containerbegriff". Denn der Begriff wird in verschiedenen Bereichen verwendet, wie etwa im wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitskontext, in der Kommunikationswissenschaft oder im erziehungswissenschaftlichen Schulkontext, und jeweils unterschiedlich definiert. Es existieren sowohl bildungswissenschaftliche als auch bildungspolitische Begriffsbestimmungen. In der Bildungswissenschft bezieht sich Medienkompetenz auf einen Kompetenzbegriff, der sich ursprünglich auf Spracherwerb und Kommunikation bezog. Durch Dieter Baacke wurde der Begriff in die Medienpädagogik überführt und ein Modell von Medienkompetenz entwickelt, auf welches sich bis heute zahlreiche Arbeiten beziehen. Dabei wird davon ausgegangen, dass all Menschen das Potenzial zur Medienkompetenz haben, "dieses allerdings aktiviert, erlernt und vermittelt werden" muss (S. 122). In der Medienpädagogik ist Medienkompetenz ein Leitbegriff. Jedoch stellt sich die Frage, ob ein solches Modell angesichts sich stetig wandelnder Medien ebenfalls verändern müsste. Ein Kritikpunkt an Dieter Baackes Medienkompetenzmodell (als bildungswissenschaftlicher Definition) ist etwa, dass es zu wenig auf den Alltag bezogen ist, die KMK-Strategie (als Beispiel für eine bildungspolitische Annäherung an den Begriff) erscheint jedoch zu detailliert. Im Vergleich zu bildungswissenschaftlichen und -politischen Sichtweisen auf Medienkompetenz zeigen sich Unterschiede: Während Dieter Baacke Medienkompetenz als Handlungswissen versteht, stellt die Kultusministerkonferenz Handhabungswissen in den Vordergrund.

Perspektive der Kompetenzträger*innen auf Kompetenz einbezogen?

Der qualitative Forschungszugang ermöglichte es den Befragten, Medienkompetenz eigenständig (ohne dass bestimmte Kategorien vorgegeben waren) zu definieren. Die Jugendlichen verstehen Medienkompetenz als etwas, das über die reine Handhabung hinausgeht und technisches Verständnis verlangt. Dennoch ist die Definition der Schüler*innen etwas enger als die der Lehrkräfte.

Lebenskontexte der Kompetenzträger*innen einbezogen?

Die Autor*innen reflektieren, dass an der Studie Lehrkräfte und Schüler*innen aus unterschiedlichen Bundesländern teilnahmen. Daher muss der Bildungsföderalismus als ein ggf. relevanter Einflussfaktor reflektiert werden. Zudem konnten Rahmenbedingungen auf Ebene der Schule (zum Beispiel die Infrastruktur im Rahmen der Studie) nicht berücksichtigt werden. Auch diese können aber für die Vermittlung von Medienkompetenz relevant sein. Auch auf Ebene des Individuums werden relevante Lebenskontexte benannt, wie beispielsweise ein erhöhtes Interesse der befragten Lehrkräfte am Thema Medienkompetenz.

Herausforderungen der Erfassung von Kompetenz

keine Angabe

Zentrale empirische Befunde über Kompetenz

Die Aspekte, die Lehrkräfte und Schüler*innen mit Medienkompetenz verbinden, lassen sich in zehn Dimensionen gliedern. Die Dimensionen sind allerdings nicht als trennscharfe Kategorien aufzufassen. Erstens sprechen die Befragten den Umgang mit digitalen Medien an, zweitens gehen sie auf Schutz in verschiedener Hinsicht ein: Datenschutz; Schutz vor Gefahren bei der Interaktion mit Fremden (das benennen vor allem Schüler*innen), Schutz vor Cybermobbing und möglichem Suchtpotenzial. Ein dritter Aspekt bezieht sich auf Reflexion, beispielsweise ein Verständnis digitaler Medien, das über die reine Handhabung hinausgeht. Ein vierter Aspekt zielt auf die Suche und den Umgang mit Informationen. Fünftens beschreiben Lehrende sowie Schüler*innen das Gestlten von digitalen Inhalten als Bestandteil von Medienkompetenz. Lehrkräfte erweitern diese Definition noch um folgende Aspekte: Präsentieren, informatische Kenntnisse, Kommunikation sowie Teamarbeit und Kreativität. Was Kreativität jedoch genau ist, wird nicht weiter ausgeführt. Aus der quantitativen Befragung ergibt sich zudem, dass eine Differenz ergibt zwischen den Kompetenzen, die Jugendlichen zugeschrieben werden, und denen, über die sie verfügen.

Quellenangabe

Meyer, F., Becker, J., & Bock, A. (2023). Medienkompetenz aus bildungswissenschaftlicher, bildungspolitischer und schulpraktischer Perspektive. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung (Occasional Papers), 118-138. https://doi.org/10.21240/mpaed/00/2023.06.01.X

Zuletzt geändert am 16. Juli 2024.