Kinderrechte und digitale Bildung – Theoretische Herleitung eines kinderrechtsbasierten Medienkompetenzmodells für Kinder
Kurzbeschreibung
Der Text entwickelt ein kinderrechtsbasiertes Medienkompetenzmodell (KiMe-Modell). Dafür verbinden die Autorinnen Aussagen der UN-Kinderrechtskonvention zu digitaler Bildung mit Grundlagen aus dem Jugendmedienschutz und ausgesuchten Medienkompetenzmodellen aus der deutschsprachigen Fachdiskussion. Im Ergebnis wird ein Modell mit drei gleichwertigen einander ergänzenden Medienkompetenzdimensionen (Wissen, Reflexion und Handeln) entwickelt. Deren Ausprägungen werden entlang des Dreiecks aus Schutz, Teilhabe und Befähigung für Kinder von null bis zehn Jahren diskutiert. Jede Dimension ist dabei nochmals in Teildimensionen gegliedert: Wissen in Anwendungs- und Orientierungswissen, Reflexion in selbst-, medien- und gesellschaftsbezogene Reflexion sowie Handeln in Recherchieren und Informieren, Kommunizieren und Kooperieren, Produzieren und Präsentieren sowie Programmieren.
Annahmen über die Folgen der Digitalisierung
Teilhabe an der Digitalisierung wird als wichtige Voraussetzung beschrieben, um Chancengerechtigkeit und ein gutes Leben zu verwirklichen, da digitale Medien heute als integraler Bestandteil zum Alltag gehören. Durch technische Fortschritte können Kinder diese auf vielfältige Art (auch unbegleitet) nutzen. Aus einer kinderrechtlichen Perspektiven besteht damit die Notwendigkeit, dass auch Kinder für ein gutes und selbstbestimmtes Leben einen Zugang zu digitaler Bildung haben. Dieses Fundament an Medienkompetenz, welches im frühen Kindesalter gelegt werden sollte, gilt es angesichts des digitalen Wandels stetig auszubauen.
Kompetenzanforderungen
Das kinderrechtsbasierte Medienkompetenzmodell umfasst mannigfaltige Kompetenzanforderungen, welche von Bedienfähigkeiten über Wissen bis hin zu Reflexion und kreativem Handeln mit Medien reichen. Eine systematische Darstellung findet sich unter der Überschrift „Kompetenzdimensionen“.
Kompetenzbegriffe (nach dem Papier)
Unterdimensionen (nach dem Papier)
Wissen über digitale Medien,
Reflexion/Bewertung digitaler Medien,
Explorieren/Handeln mit digitalen Medien
Kompetenzdimensionen (nach dem Rahmenkonzept von Digitales Deutschland)
Instrumentell-qualifikatorische Dimension: Digitale Geräte bedienen können; einfache Funktionen von Software aufrufen und nutzen; einfache Sicherheitsmaßnahmen anwenden; Daten speichern und wiederfinden; Medien als Quellen nutzen, um Informationen zu beschaffen; Fähigkeit zur digitalen Ausdrucksform.
Kognitive Dimension: Digitale Speicherung, Informationsverarbeitung und Algorithmen (bspw. Computer Science unplugged) grundlegend verstehen; Wissen um einfache Sicherheitsmaßnahmen (z. B. Passwörter) und sichere Webseiten; Wissen um eigene Grundrechte (z. B. Recht am eigenen Bild); mit Medien recherchieren können; Wissen, dass digitale Systeme von Menschen gestaltet sind; eine erste Vorstellung von Künstlicher Intelligenz haben und deren Unterschiede zur menschlichen Intelligenz kennen; Alternativen zur Nutzung digitaler Medien kennen.
Affektive Dimension: Emotionale Wirkungen digitaler Mediennutzung erkennen und ausdrücken.
Kreative Dimension: Medien als Ausdrucksform nutzen; Ideen, Erlebnisse oder Gedanken medial gestalten (z. B. Stop-Motion); spielerisch-kreative Problemlösungen entwickeln durch Erfinden, Tüfteln, Ausprobieren (z. B. Making, Computational Thinking); Algorithmen und Programme modellieren und implementieren.
Soziale Dimension: Digitale Medien nutzen, um mit anderen zu interagieren und zusammenzuarbeiten (z. B. digitale Tagebücher); Nutzung digitaler Medien zur Pflege von Kontakten und zum sozialen Austausch; soziale Kommunikationsnormen in digitalen Medien erlernen (z. B. Netiquette).
Kritisch-reflexive Dimension: Das eigene Medienhandeln wahrnehmen (z. B. Vorlieben und Bedürfnisse); eigenes Medienhandeln bewusst reflektieren und kontrollieren können; Medieninhalte bewerten und interpretieren können; Werbung erkennen und dahinter liegende Absichten verstehen; Bewusstsein für Algorithmen entwickeln; gesellschaftliche Strukturen, Normen und Machtverhältnisse hinter medialen Botschaften erkennen, z. B. geschlechterbezogene Stereotype.
Zentrale theoretische Annahmen über Kompetenz
Die zentrale Annahme des Aufsatzes liegt darin, dass sich die in der UN-Kinderrechtskonvention formulierten Rechte von Kindern auf digitale Bildung in den Dimensionen von Medienkompetenz wiederfinden, die im deutschsprachigen Fachdiskus ausformuliert wurden. Medienkompetenz definieren die Autorinnen „als Grundlage für die Beschreibung wünschenswerter Kompetenzniveaus“ (S. 296). Wichtige Bezugspunkte sind für sie ausgehend von Dieter Baackes Medienkompetenzmodell von 1996 Konzepte von Bernd Schorb sowie Helga Theunert. Diese Modelle fassen Medienkompetenz als komplexes Konstrukt auf, welches sowohl kognitive als auch soziale und praktische Aspekte beinhaltet. Dem liegt stets ein aktives Menschenbild zugrunde, welches Selbstbestimmung, Teilhabe und Mündigkeit zum Ziel hat. Mit Blick auf Dimensionen von Medienkompetenz bleibt es herausfordernd, Fähigkeiten trennscharf je einer Dimension zuzuordnen. Oftmals adressieren sie mehrere Dimensionen.
Perspektive der Kompetenzträger*innen auf Kompetenz einbezogen?
keine Angabe
Lebenskontexte der Kompetenzträger*innen einbezogen?
Die Autorinnen betonen die Rolle von Kindern als Rechtsträger*innen, welche von Anfang an ein Recht auf eine Form von Medienkompetenzförderung haben, die ihrem jeweiligen Alter gerecht wird. Die Spezifik von Medienkompetenzförderung in der Kindheit wird durch den Einbezug der zentralen Dimensionen des Jugendmedienschutzes (Schutz, Teilhabe, Befähigung) dargestellt. Da Kinder zwischen null und zehn Jahren entwicklungspsychologisch eine sehr heterogene Gruppe bilden, müssen verschiedene Aspekte des Modells je nach Entwicklung unterschiedlich gewichtet werden. So bedürfen jüngere Kinder beispielsweise stärker Schutz (den sowohl Erwachsene als auch Plattformbetreiber sicherstellen sollten), Unterstützung und begleiteter Explorationsmöglichkeiten. Ältere Kinder sind demgegenüber in der Lage, zunehmend selbstständig zu handeln und ihr Handeln zu hinterfragen. Die Autorinnen geben zudem zu bedenken, dass Kinder mit Behinderungen, Armutserfahrungen oder Migrationshintergrund eher von dem Risiko betroffen sein können, durch fehlende Medienkompetenz von Bildungs- und Teilhabechancen ausgeschlossen zu werden. Vor diesem Hintergrund erscheint eine gezielte und differenzsensible Förderung von Medienkompetenz als besonders relevant.
Herausforderungen der Erfassung von Kompetenz
keine Angabe
Quellenangabe
Kern, A., & Roos, J. (2025). Kinderrechte und digitale Bildung. Theoretische Herleitung eines kinderrechtsbasierten Medienkompetenzmodells für Kinder. MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 2025 (Occasional Papers), 295-323.