Künstliche Intelligenz und Inklusion aus der Sicht (angehender) Lehrkräfte – eine explorative Studie zum chancengerechten Einsatz generativer KI
Kurzbeschreibung
Claudia Mertens legt eine explorative Studie zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in inklusiven Bildungsprozessen vor. Dazu wurden (angehende) Lehrkräfte nach ihrer Einschätzung zu Potenzialen und Herausforderungen von KI bei Menschen mit Behinderung und Lernproblemen befragt. Thematisiert wurde beispielsweise, wie sie die Kompetenzen ihrer Schüler*innen im Umgang mit Künstliche Intelligenz einschätzen oder inwiefern sie selbst KI in ihren Angeboten thematisieren. Die Ergebnisse zeigen, dass eine große Mehrheit der Lehrkräfte den Einsatz von KI befürwortet. Gleichzeitig offenbaren sich aber auch Ambivalenzen: Während Lehrkräfte Potenziale für ihre Unterrichtsplanung erkennen und den Einsatz von Künstliche Intelligenz grundsätzlich für sinnvoll halten, sprechen sie ihren Schüler*innen nur geringe Kompetenzen im Umgang mit KI zu und thematisieren diese Technologie auch nur selten im Unterricht.
Annahmen über die Folgen der Digitalisierung
Die digitale Transformation sowie die Entwicklung Künstlicher Intelligenz verändern Bildungsprozesse in der Schule. Durch Künstliche Intelligenz entstehen einerseits neue Potenziale hinsichtlich Inklusion andererseits aber auch Risiken. Versiert mit digitalen Medien inklusive Künstlicher Intelligenz umzugehen, wird vor diesem Hintergrund zu einer Schlüsselkompetenz und einem wesentlichen Faktor für Teilhabe. Teilhabe an der Digitalisierung ist eine wichtige Voraussetzung, um in soziale, kulturelle, politische und bildungsbezogene Prozesse eingebunden zu werden. Für marginalisierte Menschen und solche mit Behinderung ist diese Teilhabe von besonderer Bedeutung, da sie ohne sie größere Exklusionsrisiken erfahren (third-level digital divide). Schulen tragen Verantwortung dafür, Teilhabe in, an und durch Medien zu unterstützen.
Kompetenzanforderungen
Claudia Mertens nutzt den Begriff der „Promptfähigkeit“ (S. 151), der aus einer Freifeld-Antwort der Befragung stammt, und unterstreicht damit die Notwendigkeit, adäquate Anfragen an generative KI schreiben zu können. Darüber hinaus wird vor allem der kritische Umgang mit den Ergebnissen von Künstlicher Intelligenz betont, etwa die Ergebnisse von KIs prüfen und einordnen zu können.
Kompetenzbegriffe (nach dem Papier)
Unterdimensionen (nach dem Papier)
keine Angabe
Kompetenzdimensionen (nach dem Rahmenkonzept von Digitales Deutschland)
Instrumentell-qualifikatorische Dimension: Adäquate Prompts schreiben können.
Kognitive Dimension: Grundlagen und Funktionsweise Künstlicher Intelligenz verstehen.
Kritisch-reflexive Dimension: Kritischer Umgang mit Künstlicher Intelligenz; kritisch-reflexiver Umgang mit Medien; Sensibilität für Daten, die in eine KI eingegeben werden; Antworten eine Künstlichen Intelligenz hinterfragen; Chancen, Risiken und ethische Fragestellungen zu Künstlicher Intelligenz betrachten.
Zentrale theoretische Annahmen über Kompetenz
keine Angabe
Perspektive der Kompetenzträger*innen auf Kompetenz einbezogen?
keine Angabe
Lebenskontexte der Kompetenzträger*innen einbezogen?
Für die Studie wurde eine möglichst heterogene Stichprobe angestrebt, sowohl mit Blick auf Alter als auch Schulart, an der die Fachkräfte unterrichten. Mit Blick auf den Digital Divide macht die Autorin darauf aufmerksam, dass erstens der Zugang zu digitalen Technologien, zweitens Nutzungsweisen und -fähigkeiten sowie drittens (gerade angesichts Künstlicher Intelligenz) die Priorisierung bestimmter Inhalte im Internet ungleich ausfallen können.
Herausforderungen der Erfassung von Kompetenz
Die Autorin gibt zu bedenken, dass das Erhebungsinstrument nicht auf validierten Skalen basiert.
Zentrale empirische Befunde über Kompetenz
Die Ergebnisse unterteilen sich in die Antworten auf geschlossene und offene Fragen. Die Ergebnisse aus den geschlossenen Fragen verdeutlichen: Ihre eigene KI-Kompetenz schätzen die Lehrkräfte eher positiv ein. Hingegen schätzt ein Großteil der Befragten die Schüler*innen als nicht (36 %) oder eher nicht kompetent (54 %) ein. Trotzdem machen über 60 Prozent der Befragten das Lernen über Künstliche Intelligenz nicht zum Gegenstand ihres Unterrichts. Zwischen diesen Einschätzungen und den Erwartungen der Lehrkräfte besteht jedoch eine Diskrepanz. Denn 39 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass KI die Kompetenzentwicklung unterstützen kann. Zugleich gehen mit 40 Prozent die meisten nicht davon aus, dass KI die Fähigkeiten der Schüler*innen verringern könnte (S. 147). Zudem erwarten ca. 80 Prozent der Befragten einen positiven Einfluss auf Chancengerechtigkeit durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. In den offenen Antworten spiegelt sich die bereits skizzierte Ambivalenz der Einschätzung der Lehrkräfte. Mit KI verbunden werden Hoffnungen, Lernprozesse stärker individualisieren und inklusive Lernprozesse besser unterstützen zu können. Künstliche Intelligenz könnte als „Hilfe zur Selbsthilfe“ (S. 152) genutzt werden und Autonomie fördern. Gleichzeitig bestehen jedoch die Sorgen, dass es zu einem „Deskilling“ (S. 151) kommt, wenn Aufgaben mithilfe von KI bearbeitet werden. Eingeordnet werden diese Befürchtungen in die Theorie des Digital Divide, die deutlich macht, dass Personen mit hoher Motivation und Kompetenzen insgesamt mehr von neuen Technologien profitieren und strukturelle Ungleichheiten dadurch wachsen. In der Interpretation der Ergebnisse wird die beschriebene Ambivalenz als mögliche Unsicherheit der Lehrkräfte in Bezug auf das Thema Künstliche Intelligenz verhandelt. Nicht nur aus diesem Grund leitet die Autorin aus den Ergebnissen die Notwendigkeit von Schulungen für Lehrkräfte ab.
Quellenangabe
Mertens, C. (2025). Künstliche Intelligenz und Inklusion aus der Sicht (angehender) Lehrkräfte – eine explorative Studie zum chancengerechten Einsatz generativer KI. Journal für allgemeine Didaktik: JfAD (13), 135–162. https://doi.org/10.25656/01:34256
Sonstige Anmerkungen
Insgesamt erachtet eine Mehrheit der Lehrkräfte den Einsatz von KI in inklusiven Bildungsprozessen als (sehr) sinnvoll. Von denjenigen, die KI-Anwendungen bereits im Unterricht eingesetzt haben, erfuhren das ca. 90 Prozent als gewinnbringend. Bei allen Ergebnissen bleibt zu beachten, dass die Daten der Studie auf Selbstrekrutierung durch einen Online-Fragebogen basieren. Sie sind nicht repräsentativ. Zudem basieren die Daten weitgehend auf Fremdeinschätzungen (angehender) Lehrkräfte über ihre Schüler*innen.