SIM-Studie 2024 – Senior*innen, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang von Personen ab 60 Jahren in Deutschland
Kurzbeschreibung
Bei der Publikation handelt es sich um die Fortsetzungsstudie der ersten SIM-Studie von 2021. Die zweite repräsentative Befragung gibt einen Einblick in die Mediennutzung sowie die digitalen Kompetenzen von Menschen ab 60 Jahren in Deutschland. Zudem wird verglichen, inwiefern in den vergangenen drei Jahren diesbezüglich Fortschritte verzeichnet werden konnten. Erstmalig erhebt die Studie auch erste Erfahrungen älterer Menschen im Umgang mit Technologien, die auf Künstlicher Intelligenz basieren (z. B. ChatGPT). Die Ergebnisse zeigen: Rund die Hälfte der Befragten verfügt über ausreichend gute digitale Kenntnisse. Allerdings brillieren hinsichtlich digitaler Fähigkeiten eher die „jungen Alten“ (60-69 Jahre), während Hochaltrige und Personen mit niedrigem Bildungshintergrund die vergleichsweise niedrigsten Kompetenzniveaus erreichen.
Annahmen über die Folgen der Digitalisierung
Die durch Künstliche Intelligenz weiter vorangetriebene Digitalisierung verändert auch Bereiche, in denen sich ältere Menschen bewegen, zum Beispiel das Gesundheitswesen oder die Verwaltung. So werden immer mehr analoge Prozesse digitalisiert sowie neue digitale Geräte und Anwendungen entwickelt. Doch diese unterscheiden sich zuweilen häufig in der Handhabung und lassen sich nicht immer intuitiv bedienen. Gleichzeitig wohnt Geräten, die über Sprachsteuerung zu bedienen sind, das Potential inne, älteren Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und eingeschränkter Mobilität neue Handlungsräume zu erschließen. Um mit diesem Wandel Schritt zu halten, müssen Menschen jedoch ihr ganzes Leben Kompetenzen (weiter-)entwickeln.
Kompetenzanforderungen
Die Autor*innen weisen auf zahlreiche verschiedene Kompetenzanforderungen hin und widmen dabei gezielt dem Bereich des Gesundheitswesens Aufmerksamkeit. So sollten Kompetenzträger*innen allgemein u. a. dazu in der Lage sein, Gründe zu erkennen, warum eine Internetverbindung nicht hergestellt werden kann oder technische Lösungen zu finden, um ein Gerät besser bedienen zu können (etwa indem sie Anpassungen vornehmen, um die Lesbarkeit eines Textes zu erhöhen). Zudem benötigen sie beispielsweise Wissen um die Existenz von Desinformation und müssen vor diesem Hintergrund nicht nur E-Mails versenden können, sondern auch dazu in der Lage sein, betrügerische E-Mails zu erkennen. Mit Blick auf das Gesundheitswesen gilt es beispielsweise, über Gesundheitsdienstleistungen informiert zu sein oder Videokonferenzen zu nutzen, um telemedizinische Konsultationen in Anspruch nehmen zu können. Zudem schreiben die Autor*innen dem Selbstwirksamkeitserleben eine große Bedeutung zu, da dieses entscheidet, inwiefern sich Kompetenzträger*innen die Nutzung des Internets zutrauen. Eine ausführliche Auflistung der in der Studie erfassten Kompetenzanforderungen findet sich unter der Überschrift „Kompetenzdimensionen“.
Kompetenzbegriffe (nach dem Papier)
Digitale Kompetenzen | Digitale Gesundheitskompetenz
Unterdimensionen (nach dem Papier)
Umgang mit Informationen,
Kommunikation,
Erzeugen von digitalen Inhalten,
Sicherheit,
Probleme lösen
Kompetenzdimensionen (nach dem Rahmenkonzept von Digitales Deutschland)
Instrumentell-qualifikatorische Dimension: Gründe kennen, warum keine Internetverbindung hergestellt werden kann; digitale Textdokumente erstellen und bearbeiten; digitale Inhalte bearbeiten und ändern können, die andere erstellt haben; E-Mails versenden, beantworten, weiterleiten; technische Probleme im Internet erkennen und beheben können; Kenntnisse zu Informations- und Kommunikationstechnologien; erweiterte Funktionen bei Videokonferenzen nutzen können.
Kognitive Dimension: Wörter und Ausdrücke verstehen, die mit dem Internet zusammenhängen; wissen, dass öffentliche Dienstleistungen im Internet verfügbar sind; technische Lösungen kennen, die den Zugang und die Nutzung von digitalen Werkzeugen verbessern können; wissen, dass es wichtig ist, Betriebssysteme und Antiviren-Software aktuell zu halten, um Sicherheitsprobleme zu vermeiden; wissen, welche Wörter man verwenden muss, um schnell zu finden, wonach man sucht; erweiterte Sucheinstellungen bei der Online-Recherche nutzen können; wissen, dass manche Informationen im Internet falsch sind, z. B. Fake News; online (Gesundheits-)informationen recherchieren und verstehen.
Affektive Dimension: Selbstvertrauen, Anforderungen im Internet bewältigen zu können.
Kreative Dimension: Digitale Inhalte erstellen, bearbeiten und ändern.
Soziale Dimension: Über Videokommunikation Kontakt mit Ärzt*innen aufnehmen.
Kritisch-reflexive Dimension: Unterschiedliche Internetseiten aufsuchen, um zu prüfen, ob dort gleiche Informationen zu einem Thema stehen; beurteilen, ob Informationen auf mich zutreffen; gefundene Informationen zur Lösung eines Gesundheitsproblems nutzen; beurteilen, ob hinter angebotenen Informationen kommerzielle Interessen stehen; beurteilen, wie vertrauenswürdig gefundene Informationen sind; betrügerische E-Mails erkennen; kritische und reflexive Elemente zur Einschätzung von Chancen und Risiken der eigenen Mediennutzung; Wissen und Kenntnisse über privaten Datenschutz, Datensicherheit und Datenqualität; Onlinelernangebote nutzen, um die eigenen digitalen Fähigkeiten zu verbessern.
Zentrale theoretische Annahmen über Kompetenz
Die Autor*innen betonen, dass digitale Medienkompetenz nicht nur technisches Knowhow beschreibt. Darüber hinaus müssen Kompetenzträger*innen auch dazu in der Lage sein, mit digitalen Anwendungen kritisch-reflexiv umzugehen. Entsprechend wurden in der vorliegenden Studie sowohl digitale Kenntnisse als auch digitale Fähigkeiten in fünf verschiedenen Anwendungsbereichen erhoben. Die Bereiche umfassten angelehnt an das Kompetenzmodell „DigComp 2.1“ sowie den daraus entwickelten Fragebogen „DigCompSAT“ folgende Aspekte: den Umgang mit Informationen, Kommunikation, das Erzeugen digitaler Inhalte, Sicherheit sowie Probleme lösen.
Perspektive der Kompetenzträger*innen auf Kompetenz einbezogen?
keine Angabe
Lebenskontexte der Kompetenzträger*innen einbezogen?
In der Studie werden verschiedene soziodemographische Merkmale betrachtet, darunter vor allem das Alter, das Geschlecht und der Bildungshintergrund, allerdings auch das Einkommen und der Wohnort. Mit Blick auf digitale Kompetenzen zeigt sich: Diejenigen Befragten, die männlich sind, zur Gruppe der sogenannten “jungen Alten” zählen und einen hohen Bildungsabschluss haben, weisen überdurchschnittlich hohe digitale Kenntnisse auf. Ähnliches ist für den Bereich digitaler Fähigkeiten zu beobachten, denn auch hier bestehen große Unterschiede, insbesondere zwischen den Altersgruppen.
Herausforderungen der Erfassung von Kompetenz
keine Angabe
Zentrale empirische Befunde über Kompetenz
Insgesamt sind digitale Fähigkeiten in der älteren Bevölkerung eingeschränkt vorhanden. Während Onliner*innen, Männer, junge Ältere und Befragte mit hohem Bildungsstatus ein mittleres digitales Kompetenzniveau erreichen, verfügen Frauen und bildungsferne Personen über grundlegende digitale Kompetenzen. Offliner*innen und Hochaltrige weisen die niedrigsten Kompetenzniveaus auf. Rund die Hälfte der Befragten verfügt über ausreichende digitale Kenntnisse. Am meisten Befragte (57 %) sind sich dessen bewusst, dass ihnen im Internet Falschinformationen begegnen können. Nachholbedarfe bestehen im Bereich von technischen Lösungen, um digitale Werkzeuge individuell bedienen zu können. Dabei verfügen vor allem Männer, junge Ältere und Menschen mit hohem Bildungsabschluss über überdurchschnittliche Kenntnisse. Die größten Diskrepanzen finden sich allerdings zwischen On- und Offliner*innen. Die Unterschiede in den digitalen Kenntnissen zwischen On- und Offliner*innen weisen darauf hin, dass sich auch die Offliner*innen sehr wohl der Existenz von Fake News (33 %) und der Verfügbarkeit von E-Government-Diensten (29 %) bewusst sind. Jedoch mangelt es ihnen an der Kompetenz, Netzverbindungsstörungen zu lösen oder Informationen im Internet zu recherchieren. Demgegenüber weisen rund 60 Prozent der Onliner*innen in den abgefragten Bereichen ein gutes oder ein umfassendes Verständnis auf – mit Ausnahme technische Lösungen für einen besseren Zugang zu kennen. Grundlegende digitale Fähigkeiten sind unter den Befragten mehrheitlich vorhanden, vor allem das Versenden von E-Mails fällt ihnen leicht. Hingegen ist es für viele eine Herausforderung, erweiterte Funktionen in Videokonferenzen zu nutzen. Zugleich musste bei 862 von 2000 Teilnehmenden die Befragung vorzeitig abgebrochen werden, weil die Interviewten nicht alle Fragen beantworten konnten. Dies deuten die Autor*innen als Indiz für eher geringe digitale Fähigkeiten. Auch bei digitalen Fähigkeiten lassen sich soziodemographische Unterschiede beobachten, vor allem in Bezug auf das Alter. Bei den digitalen Gesundheitskompetenzen fallen geschlechtsspezifische Unterschiede kaum auf: Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Befragten finden es leicht, Online-Gesundheitsinformationen aufzutreiben, aber schätzen es als äußerst schwierig ein, ihre Glaubwürdigkeit zu beurteilen. Probleme beim Umgang mit Gesundheitsinformationen jeglicher Art haben vor allem Hochaltrige und Personen mit niedrigem Bildungsstatus.
Quellenangabe
Rathgeb, T., Doh, M., Tremmel, F., & Gerigk, Y. (2024). SIM-Studie 2024. Senior*innen, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang von Personen ab 60 Jahren in Deutschland. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. https://mpfs.de/studie/sim-studie-2024/
Sonstige Anmerkungen
Künstliche Intelligenz (in Form von ChatGPT) haben bisher nur acht Prozent der Befragten selbst ausprobiert. Den Begriff kennen allerdings weitere 43 Prozent. Dabei ergeben sich deutliche Unterschiede entlang des Bildungshintergrundes. Unter den formal höher Gebildeten hat mit 19 Prozent der vergleichsweise größte Anteil bereits ChatGPT genutzt.