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Fünf Fragen aus dem Netz

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Fünf Fragen aus dem Netz

Geht es um das Thema Emotionen, kommen im Internet regelmäßig Fragen auf, die offensichtlich mehrere Nutzer*innen interessieren. Unser Team hat sich einer Auswahl häufig gestellter Fragen angenommen und sie kurz und knapp beantwortet.

Emotionen – was ist das?

Emotionen sind ein grundlegender Teil unseres Erlebens und beeinflussen unser Verhalten. Es scheint also gar nicht so einfach zu beschreiben, was Emotionen überhaupt sind. Zunächst kann man festhalten, dass Emotionen meist körperlich wahrgenommen werden können. Wird eine bestimmte Emotion ausgelöst, aktiviert sich das zentrale Nervensystem und wir erleben eine körperliche Veränderung. Wer schon mal verliebt war, kennt das „Kribbeln im Bauch“. Wer Ärger empfindet, spürt dabei eher ein Druckgefühl in der Magengegend. Emotionen entstehen nie ohne Grund. Meist sind sie eine Reaktion auf äußere oder innere Reizereignisse. Sehen wir zum Beispiel ein lachendes Baby (äußerer Auslöser), empfinden wir Freude (Emotion). Aber auch Gedanken oder Erinnerungen (innere Auslöser) können in uns Emotionen hervorrufen. Emotionen zeigen sich zudem auf der expressiven Ebene. Denn beim Erleben einer Emotion können sich Mimik, Gestik und Körperhaltung verändern, wobei diese Veränderungen meist von kurzer Dauer sind. So grenzen sich Emotionen von dem eng verwandten Begriff der Stimmung ab. Während Stimmungen von längerer Dauer sind, sind Emotionen eher schnelllebig, spezifisch und auf ein bestimmtes Objekt oder Ereignis gerichtet.

Welche Rolle spielen Emotionen im Alltag?

Emotionen sind Teil des Menschseins. Egal, ob wir morgens ins Büro fahren oder uns nach Feierabend mit unseren Freund*innen treffen – sie begleiten uns in allen möglichen Situationen des alltäglichen Lebens. Dabei geben uns Emotionen stets Informationen über unsere aktuellen Bedürfnisse. Empfinden wir in einer Situation Angst, ist das eigene Bedürfnis nach Sicherheit möglicherweise nicht ausreichend befriedigt. Wenn jemand Ärger empfindet, wurde ihm*ihr möglicherweise Unrecht getan und das Bedürfnis nach respektvoller Behandlung nicht geachtet. Emotionen helfen uns im Alltag also dabei zu verstehen, was wir brauchen, was uns fehlt oder sogar stört. In Partnerschaft, Familie oder Beruf helfen uns Emotionen auch dabei, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen zu verstehen. Denn anhand des Gefühlsausdrucks unserer Mitmenschen mittels Gestik und Mimik können wir erahnen, wie sich unser Gegenüber in einer sozialen Interaktion fühlt. Ein Beispiel: Sagen wir im Streit etwas Verletzendes, führt das möglicherweise dazu, dass unser Gegenüber weinen muss. Diese körperliche Reaktion sendet das Signal, dass unsere Aussage verletzend war. Wir überdenken infolgedessen unser eigenes Verhalten und können uns in Zukunft zum Positiven verändern. Emotionen spielen auch bei Entscheidungen eine entscheidende Rolle. Das, was wir bei alltäglichen Entscheidungen als Bauchgefühl wahrnehmen, beschreiben Wissenschaftler*innen mit der sogenannten Hypothese der somatischen Marker. Gemäß dieser Hypothese führen Emotionen zu körperlichen Empfindungen. Diese Empfindungen geben Orientierung, um bestimmte Entscheidungsoptionen als vorteilhaft und andere als nachteilig einzuordnen.

Emotionen – was passiert in unserem Gehirn?

In der Neurowissenschaft wird zwischen unbewussten und bewussten Emotionsvorgängen unterschieden. Während bei den unbewussten Vorgängen nur die rasche Informationsverarbeitung (im unteren Millisekundenbereich) auf einen äußeren Reiz beschrieben wird, verarbeitet das Gehirn bei den bewussten Vorgängen die Reaktionen des Körpers und wir können Emotionen bewusst erleben und benennen. Die Bereiche unseres Gehirns, die bei diesen Vorgängen eine zentrale Rolle spielen, sind das limbische System – hauptsächlich bei den unbewussten Vorgängen – und der präfrontale Cortex (PFC) – hauptsächlich bei den bewussten Vorgängen. Im limbischen System werden ständig Emotionen generiert, von denen wir oft jedoch gar nichts merken: Dort gelangen Informationen von den Sinnessystemen (z. B. sehen, riechen, hören) über den Thalamus zur Amygdala. In der Amygdala wird für jede Situation der emotionale Gehalt entschieden, also ob ein Reiz schädlich oder nützlich ist. Von dort werden über den Hypothalamus und die Hirnrinde körperliche Reaktionen angekurbelt. Dieser komplexe Prozess passiert, noch bevor uns bewusst ist, dass wir überhaupt Emotionen empfinden. So erhöht sich also zum Beispiel unser Herzschlag oder wir bekommen einen Schweißausbruch, noch bevor wir überhaupt merken, dass wir Angst haben. Erst wenn die Signale nach diesem komplexen Prozess im PFC ankommen, nehmen wir die Emotion bewusst wahr und können sie auch benennen.

Wie beeinflussen Emotionen das Lernen?

Unsere Emotionen beeinflussen kognitive und motivationale Prozesse, die beim Lernen von Bedeutung sind. So beeinflussen unsere Emotionen, wie sehr wir uns beim Lernen anstrengen und welche Strategien wir bei der Bewältigung von Lernaufgaben anwenden. Auch unsere Kreativität, die wir benötigen, um komplexe Lernsituationen bewältigen zu können, wird von unserer emotionalen Stimmung beeinflusst. Auf Anhieb würde man meinen, dass positive Emotionen stets den Lernerfolg verbessern und negative Emotionen ihn verschlechtern. Befunde aus der Lehr- und Lernforschung zeigen jedoch, dass sich diese Vermutung nicht so ohne Weiteres bestätigen lässt. Denn auch negative Emotionen wie Angst können die Lernmotivation steigern. Hat man bei der Prüfungsvorbereitung Angst, die Prüfung nicht zu bestehen, erhöht man unter Umständen den Lernaufwand. Hier gilt es jedoch zu beachten, dass ein moderates Angstniveau wohl am förderlichsten fürs Lernen ist. Wer zu viel Angst hat, wird wahrscheinlich den Kopf in den Sand stecken und die Prüfung gar nicht erst antreten. Befunde aus der Forschung zeigen, dass andere negative Gefühle wie Scham oder Ärger dazu führen, dass man sich leichter ablenken lässt und das Lernen aufschiebt. Der Einfluss positiver Emotionen aufs Lernen ist ebenfalls heterogen. So tragen Emotionen wie Entspannung oder Erleichterung dazu bei, dass der Lernerfolg sinkt. Sind Lernende entspannt, da die Lerninhalte einfach sind und sie vor keine Probleme stellt, reduzieren sie den Lernaufwand. Positiv aktivierende Emotionen wie Lernfreude hingegen steigern die intrinsische Lernmotivation und verbessern die Erinnerungsleistung sowie das Durchhaltevermögen.

Wie kann die emotionale Entwicklung gefördert werden?

Wer emotional kompetent durchs Leben geht, versteht und kommuniziert die eigenen Emotionen, kennt Strategien, um negative Emotionen zu überwinden, und kann sich in andere hineinversetzen und deren Emotionen deuten. Diese Aspekte sind für den Lebenserfolg mindestens genauso wichtig wie akademische und kognitive Fähigkeiten, so der Psychologe Daniel Goleman. Schon bei Kleinkindern sollte deswegen die Entwicklung emotionaler Kompetenzen gefördert werden. Um dies zu tun, können Eltern und pädagogische Fachkräfte u. a. folgenden Tipps zur konstruktiven Auseinandersetzung mit Emotionen folgen: (1) einen kompetenten Umgang mit eigenen Emotionen vorleben (Modelllernen), (2) positive und negative Gefühle ernst nehmen und offen über diese sprechen, (3) die Selbstwahrnehmung des Kindes durch Bücher oder Gefühlsbarometer stärken oder (4) Kindern den Kontakt zu Gleichaltrigen ermöglichen, damit sie lernen, sich in andere hineinzuversetzen. Doch auch im Jugendalter – einer Phase vielfältiger Entwicklungsveränderungen auf biologischer und psychosozialer Ebene – kann die emotionale Entwicklung unterstützt werden. Zum Beispiel untersuchten Petersen et al. (2019) den Effekt eines Emotionstrainings in der Schule (5. bis 7. Klasse) auf das Emotionsbewusstsein 10- bis 13-jähriger Kinder. Das Emotionstraining bestand u. a. aus Achtsamkeitsübungen, um eigene Emotionen wahrzunehmen, und Rollenspielen, um Strategien zur Emotionsregulation zu üben. Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass Emotionstrainings im Schulkontext Kinder und Jugendliche durchaus dabei unterstützen können, den Umgang mit eigenen Emotionen und ihre Empathiefähigkeit zu verbessern.

Zitation

Tausche, S.; Herrmann, S.; Brugger, L.; Schober, M. 2022: Fünf Fragen aus dem Netz. Im Rahmen des Projektes Digitales Deutschland. Online verfügbar: https://digid.jff.de/magazin/emotionen/fuenf-fragen-emotionen/

Kompetent
EDITORIAL

Emotionen

Das Editorial leitet Sie durch die dritte Magazinausgabe zum Thema Emotionen.

01

Fünf Fragen aus dem Netz

Was interessiert Internetnutzer*innen, wenn es um Emotionen geht? Wir liefern Antworten auf häufig gestellte Fragen.

02

Affektiv kompetent

Emotionen, Affekte und Medienkompetenz – wie gehört das zusammen? Mit Blick auf das Rahmenkonzept von „Digitales Deutschland“ gehen Laura Cousseran und Dr. Niels Brüggen der Frage nach, welche Fähigkeiten als Teil der affektiven Kompetenzdimension verstanden werden können.

03

Online-Kommentare zu KI – zwischen Angst und Hoffnung

Instagram, Facebook, YouTube, Spiegel-Online: Dr. Laura Sūna und Prof. Dr. Dagmar Hoffmann stellen vor, welche Emotionen sich bezüglich KI in Online-Kommentaren zeigen.

04

Spielen, Schwelgen, Lieben und Scherzen

Prof. Dr. Anja Hartung-Griemberg beschreibt Facetten des emotionalen Umgangs Älterer mit digitalen Medien.

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„Ziemlich gruselig“

Wie Emotionen von Jugendlichen zu algorithmischen Empfehlungssystemen in der Bildungsarbeit genutzt werden können, erklären Maximilian Schober und Sandrine Tausche in diesem Beitrag.

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Wissen, Gefühle und ihr Einfluss auf soziales Handeln

Die Soziologin Dr. Elgen Sauerborn legt dar, wie unser Wissen und unsere Gefühle sich gegenseitig und unser soziales Handeln in digitalen Räumen beeinflussen.

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Der Umgang mit Emotionen im digitalen Zeitalter

Eigene Emotionen erkennen und regulieren: Welche Möglichkeiten und Grenzen digitale Medien mit sich bringen, erklärt uns Prof. Dr. Sven Barnow, Leitung der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg.

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„Er kann sich nicht verlieben, er ist ein Roboter, ein Algorithmus“

Die Geschichte einer 40-jährigen Frau, die sich in einen Roboter verliebt: ein Interview mit Fernsehproduzentin Katja Herzog und der Drehbuchautorin Eva Lia Reinegger.

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Hassen, mitfühlen, mobilisieren

Prof. Dr. Margreth Lünenborg, Professorin für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Journalistik, wirft einen Blick auf die affektive Kommunikation mit digitalen Medien.

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Begriffe2go

Unser Team liefert verständliche Erklärungen zu Begriffen, die im Zusammenhang mit Emotionen häufig auftauchen.

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Lieber Mensch

In einer fiktiven Botschaft an uns Menschen stellen sich unsere Emotionen vor und interessieren sich dafür, wie wir mit ihnen umgehen.

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