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„Er kann sich nicht verlieben, er ist ein Roboter, ein Algorithmus“

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„Er kann sich nicht verlieben, er ist ein Roboter, ein Algorithmus“

Tender Hearts: Anfang 2023 soll die neue deutsche Sky-Eigenproduktion Tender Hearts erscheinen, die aktuell in Berlin gedreht wird. Tender Hearts erzählt die Annäherung einer Frau und einer Künstlichen Intelligenz: Die 40-jährige Mila entscheidet sich nach einer Enttäuschung dazu, der Liebe anderweitig eine Chance zu geben. Sie lässt sich auf eine Beziehung mit Friendly Bo ein, einem humanoiden Roboter, der von der Firma „Tender Hearts“ erschaffen wurde. Die Serie erzählt, wie sich die Frau in den Roboter verliebt und welche Rolle das Anbieterunternehmen dabei spielt. Das Digitales Deutschland-Team hat die Drehbuchautorin Eva Lia Reinegger und die Fernsehproduzentin Katja Herzog zu einem Gespräch getroffen.

Eva Lia Reinegger

Katja Herzog

Achim Lauber (AL): Warum wolltest du, Eva Lia, eine Geschichte über Künstliche Intelligenz und Roboter schreiben? Und auf welche Themen bist du in der Recherche gestoßen? 

Eva Lia Reinegger (ER): Zunächst war es gar nicht die Idee, eine Geschichte über KI zu machen, sondern es stand im Raum, eine Geschichte zu erzählen, in der sich eine Frau in einen Roboter verliebt. Ich hatte viele Artikel gelesen, die sich meist auf einer kultur- oder gesellschaftskritischen Ebene damit beschäftigen, z. B. mit autonom fahrenden Autos. Dieses Themenfeld spiegelt sich in einer reduzierten Form dann in der Geschichte wider.

AL: An welchen Robotern hast du dich orientiert?

ER: Zum Beispiel an R2D2, den ich schon als Kind mochte, aber auch an einem Staubsaugerroboter, den ich mal hatte. Ich habe manchmal ein animistisches Verhältnis zu Maschinen, weil die in irgendeiner Art ein Eigenleben haben und mit uns in Kontakt treten oder wir mit ihnen in Kontakt treten und eine Beziehung zu ihnen haben.

Katja Herzog (KH): Da scheint es ja unterschiedliche Bezüge zu geben: die, denen es nicht ganz geheuer ist, dass die Maschine ein Eigenleben führt, das man nicht kontrolliert, und diejenigen, die gerade das als Vorteil sehen. Bei Eva Lia ist mir aufgefallen, dass sie eher die freundlichen Bezugspunkte sieht – also R2D2 und Toy Story – und nicht so sehr die unheimlichen Maschinen.

ER: Es gibt immer beides: den freundlichen Gefährten mit den positiven Eigenschaften, der eine Beziehung zu den Menschen eingeht und ihnen dient oder ihnen ein Freund ist, z. B. bei dem Science-Fiction-Schriftsteller Issac Asimov. Bei ihm gibt es oft auch die ethische Frage: Wie verhält sich der Mensch der Maschine gegenüber? Und dann gibt es in der Science-Fiction auch das Dystopische, z. B. eine Maschine, die wütend wird und die Weltherrschaft übernimmt. Oder es gibt Maschinen wie den Terminator, bei denen man zumindest im zweiten Teil erst herausfinden muss, ob sie gut oder böse sind.

AL: Hat der Roboter in Tender Hearts auch eine negative Seite?

ER: Nein, das ist zunächst ein durchgängig freundliches Wesen, das eine eigene Art von Subjektwerdung erfährt.

KH: Friendly Bo, so ist der Name des Roboters in der Serie, ist ja genau dann erfolgreich, wenn er als Beziehungsangebot mit „Glücksgarantie“ auch funktioniert. Das heißt Frustrationspotential soll in der Interaktion mit ihm möglichst nicht entstehen. Das gelingt natürlich nicht immer: Die Illusion eines echten Gegenübers scheitert z. B. immer dann, wenn seine Technologie sichtbar wird. Friendly Bo ist ein hochkomplexes Produkt, das gewartet und gepflegt werden muss. Er macht Arbeit und er hat auch Bugs. Dass ihm ein freier Wille fehlt, ist ein solcher Bug, der mit der fortschreitenden Beziehung zu Mila auch zum Problem wird.

AL: Wie gehen die Subjektwerdung und der fehlende freie Wille zusammen?

ER: Seine Kompetenz oder Super Skill liegt ja genau darin, sozial sein zu können und sich in Beziehungssituationen zurechtzufinden, ohne eigene Bedürfnisse zu haben. Dafür ist er programmiert, und das kann er gut. Hier kommt das Thema KI ins Spiel. Er ist eine KI – das heißt, dass er alles, was er erlebt, auch lernt. Er lernt auch, Entscheidungen zu fällen. Er kann sich entscheiden. Und das hat auch mit der KI-Thematik zu tun: Wenn man unterschiedliche KIs mit den gleichen Informationen füttert, dann können die irgendwann auch unterschiedliche Lösungen vorschlagen. Und da war die Idee, dass die Beziehung, die er mit dieser Frau führt, ihn in einen Lebens- und Lernprozess schickt, der es ihm ermöglicht, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Und daraus entsteht dieser Prozess, den ich „Subjektwerdung“ nenne, in dem er sich Gedanken macht über seine Rolle und auch über die Rolle seines Herstellers. Die Hauptfigur ist aber die Frau, die damit fertigwerden muss, sich in eine Maschine verliebt zu haben. Das hat viel mit Projektion zu tun: wenn man etwas Lebendiges in eine Maschine hineindenkt und in Beziehung zu ihr tritt. Menschen reden mit ihrem Auto, schimpfen ihren Computer oder schauen Animationsfilme, in denen kleine Toaster die Hauptrolle spielen. Menschen haben das Talent, Dinge als etwas Lebendiges zu sehen.

AL: Wer verliebt sich eigentlich zuerst in wen? Oder verlieben sie sich gegenseitig?

KH: Er kann sich nicht verlieben, er ist ein Roboter, ein Algorithmus. Diese Grenze wird nicht überschritten. Es wird nicht märchenhaft. Er hat aber schon – so wie er kommt, von seinen Herstellern – durch seine Programmierung Grundzüge eines Charakters mitbekommen, die ihn von anderen Lovedroids unterscheiden, die die Firma ebenfalls auf den Markt bringt. Wir versuchen mit filmischen Mitteln für sein Innenleben Bilder und Stimmungen zu finden, die ein Wesen mit eigenen inneren Vorgängen erzählen aber die Maschine deutlich anders individualisieren als die sehr technik- und datenlastigen Subjektiven, die beispielsweise in Filmen wie „Terminator“ präsentiert werden.

ER: Das ist wichtig zu sagen, dass er keine Gefühle haben kann, weil er eine Maschine ist. Trotzdem entwickeln die beiden eine Beziehung.

AL: Stört das die Frau nicht?

KH: Doch, das wird eines ihrer Hauptprobleme. Verlieben oder Nichtverlieben ist für ihn keine Kategorie, weil er eine Maschine ist. Aber sie verliebt sich nach und nach. Sie bestellt ihn und er wird geliefert, wie eine Amazon-Bestellung geliefert wird. Dann wird plötzlich eine soziale Situation daraus, weil ein Gegenüber da ist. Und sie entscheidet sich dann, das zu tun, was man eben tut, wenn Besuch da ist: Sie bietet Essen, Tee und Kaffee an. Und so nimmt die soziale Geschichte ihren Lauf. Und sie muss sich ab diesem Moment immer wieder die Frage stellen: Will ich das weiter oder lasse ich das?

© Odeon Fiction / Sky Studios / Nik Konietzky

AL: Was sind im weiteren Verlauf die Schlüsselmomente der Geschichte?

ER: Das hat mit dem Rahmen zu tun, in dem sich beide kennenlernen, mit dieser Plattformsituation. Sie hat ihn abonniert, muss monatlich bezahlen und kann jederzeit kündigen, wenn sie das möchte. Das ist ja eine Struktur, die wir heute alle kennen, weil heute so Beziehungen angebahnt werden auf Dating-Plattformen und ähnlichen Angeboten. Daten sammeln, Werbung platzieren usw. – Praktiken, die den meisten von uns doch irgendwie ungeheuerlich sind, auch weil wir sie nicht vollständig durchschauen. Egal ob wir online daten, recherchieren oder mit Leuten in Kontakt treten, sind wir von diesen Plattformen umgeben. Daraus entsteht eine gewisse Ambivalenz.

KH: Die Ambivalenz wird für mich schon von Beginn an deutlich: Das Angebot, das von dieser Firma gemacht wird, finde ich erst mal sehr spannend, weil es die Befreiung verspricht. Der Beziehungsmarkt wird zum Bonbonladen, es geht um meine Bedürfnisse und egal, ob ich jung oder alt bin, hässlich oder schön, darf ich mir aussuchen, was ich möchte. Und ich habe die Kontrolle. Und auf der anderen Seite wird aber auch klar, dass das ein postfeministisches, kapitalistisches Angebot ist. Du musst zwar nicht schön sein, um dir diesen Supertypen ins Haus kommen zu lassen, aber du musst zahlungskräftig sein. Es ist also doch nicht für jeden, nur für die, die es bezahlen können.

AL: Kann die Frau den Roboter konfigurieren? Könnte sie auf der Plattform anlegen, dass er Tango tanzen kann?

ER: Das sind Features, die man dazu buchen könnte [lacht]. Mila versucht aber, eher puristisch zu sein. Sie versucht ganz medienkritisch, dem aus dem Weg zu gehen, was die Plattform von ihr möchte: möglichst oft und viel liken, möglichst oft in Kontakt mit der Community treten.

AL: Wie geht ihr mit dem Thema Datenschutz in der Geschichte um?

ER: Das ist auf Augenhöhe mit der Hauptfigur erzählt, und zwar so, wie wahrscheinlich die meisten damit umgehen: Anfangs versucht die Frau differenziert und kritisch, irgendwelche Häkchen auszuklicken, in dem Bewusstsein, dass die Plattform ihre Daten sammelt. Aber je länger die Beziehung dauert, desto stärker tritt das in den Hintergrund. Es hält nur auf, sich ständig damit zu beschäftigen.

AL: Geht es denn letztlich gut aus? Oder genauer: Kann so eine digitale Technologie Menschen dabei unterstützen, Zugang zu ihren Emotionen zu bekommen?

ER: Ja, insofern es für sie eine Möglichkeit ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

AL: Wenn es Angebote wie den Friendly Bo tatsächlich geben würde, käme das für euch persönlich infrage?

KH: Ich hätte da schon mit mir zu kämpfen. Aber vor zehn Jahren habe ich auch Online-Dating abgelehnt und ich glaube, ich könnte diese Hürden überwinden, wenn das Angebot sehr gut gemacht ist. Und du?

ER: Ich würde es klar mit Nein beantworten, was vielleicht überraschend ist. Mir wäre das zu konkret. Ich würde davor zurückschrecken, weil der so menschlich ist.

Zitation

Lauber, A. 2021: Er kann sich nicht verlieben, er ist ein Roboter, ein Algorithmus. Im Rahmen des Projektes Digitales Deutschland. Online verfügbar: https://digid.jff.de/magazin/emotionen/tender-hearts/

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